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Unter Platanen – Die Feder des Monats #3 | 2024

Unter Platanen

Du lächelst mir zuversichtlich zu,
als ich gehe.
Doch danach ringst du wieder mühevoll
nach Luft,
Ich kann es noch im Hinausgehen
hören.

Jetzt erst - im Treppenhaus - weine ich.
Im Auto auf dem Weg zum Bahnhof, weine ich.
Am Gleis auf den Zug wartend, weine ich.
In meinem Abteil neben ratlosen Mitreisenden sitzend, weine ich.

Du hast einen starken Entschluss gefasst.
Deine Frau trägt ihn mit dir,
so weit sie kann.
Doch den Weg gehst du allein.

Ich war noch nicht fertig mit dir,
eigentlich.
Aber wer ist schon je irgendwann mit jemandem fertig,
eigentlich.
Du gehst dennoch.

Selbstbestimmt, um den Weg frei nehmen zu können.
Ohne genau dann nach Luft ringen zu müssen, die es dann aber nicht mehr gibt.

Als es wenige Tage später
tatsächlich
geschehen ist,
ruft deine Frau mich an.

- Er hat es geschafft, meine Liebe -

Und wir weinen diesmal zusammen.

Sie in eurem Wohnzimmer,
während dein Körper
nebenan
in deinem Schlafzimmer ruht.

Ich in meiner Stadt,
unter den großen Platanen,
die gerade ihre Triebe in den Frühling schieben.

Ab sofort werden sie ewig
für mich
mit deinem Tod verbunden sein.
Kein anderer Gedanke mehr
kommt unter ihnen
in meinen Sinn.

Das Telefon am Ohr,
beide mühevoll
nach Atem ringend
nehmen wir erneut
Abschied
von dir.

Deine Stärke war
wahrhaftig
groß
und nun
bist du
fort.
Dieser Wettbewerb ist abgeschlossen und ausgezählt. Die Autoren sind bekannt, Kommentare sind freigeschaltet.
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Kommentare (5)

Doscho ·
Ich war lange vor diesem... Werk gesessen (denn ein Gedicht ist es ja eigentlich nicht) und hab mich gefragt, wie ich es finden soll. Und tatsächlich fand ich es mehr und mehr genial, auch wenn es eine Zeit brauchte, um seine Wirkung zu entfalten.

Ich mag, dass es so anders ist und eigentlich mit Konventionen, wie man vermeintlich an das Thema herangehen sollte, bricht. Auch die Wortwiederholungen mag ich, das liest sich noch mehr wie ein Bewusstseinsstrom und heruntergeschriebene Gedanken, als das ich den Text interpretiere.

Interessant. Eigenwillig und vielleicht nicht für jeden etwas, aber wie gesagt: Wenn man sich drauf einlässt, sehr stark!
sofakatze ·
hallo missgunbar,

als ich zeit fand, mich um die stimmvergabe zu kümmern, habe ich so ein gedicht nach dem anderen durchgelesen und dann kam deines. als ich am ende deines textes angekommen war, merkte ich, dass ich bei dem *und nun bist du fort* um meine fassung kämpfen musste. deshalb war dein text der erste, welcher eine stimme von mir bekam. du erzählst die geschichte unter die haut gehend (zumindest bei mir). danke dafür.

liebe grüße
sofakatze
Missgunbar ·
Doscho schrieb:
Am 1.12.2024 um 00:15 schrieb Doscho:
Ich war lange vor diesem... Werk gesessen (denn ein Gedicht ist es ja eigentlich nicht) und hab mich gefragt, wie ich es finden soll. Und tatsächlich fand ich es mehr und mehr genial, auch wenn es eine Zeit brauchte, um seine Wirkung zu entfalten.

Ich mag, dass es so anders ist und eigentlich mit Konventionen, wie man vermeintlich an das Thema herangehen sollte, bricht. Auch die Wortwiederholungen mag ich, das liest sich noch mehr wie ein Bewusstseinsstrom und heruntergeschriebene Gedanken, als das ich den Text interpretiere.

Interessant. Eigenwillig und vielleicht nicht für jeden etwas, aber wie gesagt: Wenn man sich drauf einlässt, sehr stark!
Lieber @Doscho, vielen Dank für deine tolle Rückmeldung, es ist immer wieder schön, wenn das Geschriebene große Gefühle bei den Leser:innen auslösen kann.
Ich für meinen Teil sehe meinen Text durchaus als Gedicht, wenn auch ohne jedwede klassische Komponente. Aber ein modernes Gedicht darf das, glaube ich. Andererseits ist es auch ein wenig egal, ob es nun ein Gedicht oder nicht ist. Ich freue mich, bei meinem ersten Wettbewerb auf dem 10. Platz gelandet zu sein. Und ich freue mich über deine detaillierte Einschätzung.

LG Missgunbar

sofakatze schrieb:
Am 1.12.2024 um 17:07 schrieb sofakatze:
hallo missgunbar,

als ich zeit fand, mich um die stimmvergabe zu kümmern, habe ich so ein gedicht nach dem anderen durchgelesen und dann kam deines. als ich am ende deines textes angekommen war, merkte ich, dass ich bei dem *und nun bist du fort* um meine fassung kämpfen musste. deshalb war dein text der erste, welcher eine stimme von mir bekam. du erzählst die geschichte unter die haut gehend (zumindest bei mir). danke dafür.

liebe grüße
sofakatze
Liebe @sofakatze, da ging es dir wie meinem Mann, er musste auch schlucken. Abschiede sind stets mit Traurigkeit verbunden. Wenn ich das in dem Text so rübergebracht habe, dass er dich rührt, freue ich mich.
Ich für meinen Fall vermisse meinen Papa (um den es hier geht) jeden Tag.
Lieben Dank für deine schöne Rückmeldung

LG

Missgunbar
Letreo71 ·
Liebe Missgunbar,

mir stockte beim Lesen deines Textes der Atem, ich bekam Gänsehaut und zum Schluss musste ich weinen. Du hast das Thema auf eine ganz eigene und ergreifende Art umgesetzt und das hat mich sehr berührt.

Lieben mitfühlenden Gruß, Letreo
Missgunbar ·
Letreo71 schrieb:
Am 1.12.2024 um 22:39 schrieb Letreo71:
Liebe Missgunbar,

mir stockte beim Lesen deines Textes der Atem, ich bekam Gänsehaut und zum Schluss musste ich weinen. Du hast das Thema auf eine ganz eigene und ergreifende Art umgesetzt und das hat mich sehr berührt.

Lieben mitfühlenden Gruß, Letreo
Liebe @Letreo71, das Ringen nach Atmen war genau das letzte Thema meines Papas. Es freut mich, dass mein Text dich berührt hat.
Danke dir für deine Rückmeldung.
LG
Missgunbar

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