Lieber Aries,
wie fast immer (das liegt in unserer Natur) bin ich missverstanden worden.
Ich finde Reim und Metrik, Rhythmus und Melodie essentiell in der Lyrik. Aus dem Grunde ist, zum Beispiel, Federico García Lorca unübersetztbar war ins Deutsche, weil er praktisch nur Reim und Rhythmus ist und seine Themen so Urspanisch und zum Teil, ziegeunerhaf "(Gitanos ist im Spanien kein verbotenes Wort), dass sie nicht mal annähernd zu übersetzen sind.
"Verde que te quiero verde
verde viento verde rama
el viento sobre la mar
y el caballo en la montaña"...
Man könnte genau so gut versuchen, "Die vier Jahreszeiten" von Vivaldi mit Worten zu übersetzen.
Es gibt hervorragende deutsche Übersetzer, wie Fritz Vogelsang, der in magistraler Form die lyrische Prosa von dem Nobel Preisträger Juan Ramón Jiménez übertragen hat: "Platero y yo" ("Platero und ich). Ich möchte behaupten, seine Übertragung ist genau so gut wie das Original.
Auch der Übersetzer von den Werken García Márquez, Curt Meyer-Clason war ein Meister auf seinem Gebiet.
"Oh Captain, my captain" habe ich als Jugendliche auswendig gelernt. "Leaves of Grass", das einzige, Lebenswerk von Walt Whitman, habe ich immer bei mir.
Er, übrigens, war ein Pionier in der Lyrik, brach mit seinen Gedichten mit den, immer noch nach britischer Manier verfassten Gedichten und erfand quasi die freien Verse. Auch inhaltlich, anstatt von mythologischen Gestalten der Antike zu dichten schreibt er über sein wirkliche Umwelt, über seine Mitmenschen. Sogar eine Prostituierte besingt er.
Nein nein lieber Aries, ich liebe Reim und Rhythmus, sonst könnte ich nicht Goethe, Schiller, Heinrich Heine lieben.
Und unzählige zeitgenössische Dichter, auch hier im Forum.
Ich glaube nur, das muss aus dem Bauch kommen, aus dem Herzen. So wie Juls schreibt, zum Beispiel. Und, ich wiederhole es: Ich bin sicher, die großen, uns bekannten Dichter haben sich nie mit Silbenzählen und dergleichen beschäftigt.
Einen schönen Sonnabend wünsche ich dir.
Carlos