Feedback jeder Art Spätschäden

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  • Hayk
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Blühen hinter diesen grauen Mauern
Blumen wieder, ziehen Frühlingsdüfte,
füllt das Rauschen übervoller Flüsse
nach des Winters Schweigen laue Lüfte,
schenkt die Sonne heiße Strahlenküsse,
wird es noch, oh Gott, sehr lange dauern,
bis auch meine starren Fesseln fallen,
Freiheitsklänge weithin fröhlich hallen?
Kinderlachen klimperte durchs  Fenster,
gittergesiebt erreichte es meine Ohren,
riss gnadenlos die schlimmsten Wunden,
und hatte sich mein Herz zum Ziele erkoren.
Fieber wütete, Tränen tropften, Schrunden
blieben und erinnern an Gespenster
jener klinkenlosen, hoffnungsarmen
Zeit im Gelben Elend, oh Gott - Erbarmen!
Vierzig Jahre sind seither vergangen,
hin und wieder blute ich nach innen;
niemand siehts, ich spiel den harten Mann.
Hör ich Kinder lauthals lachen, rinnen
gut verborgen meine Zähren, dann
malen sie salzige Spuren auf die Wangen.
Noch nach Stunden brennen meine Augen,
besser würden sie zum Lachen taugen.

 
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Hallo Hayk,
deine "Spätschäden" hast du wieder außergewöhnlich gut in Worte gefasst.
Sehr bewegend, besonders die dritte Strophe!
 
grüßend Freiform
 
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Guten Morgen Freiform,
gleich am frühen Morgen ein Lob - das baut auf und verschönert den Tag.
Vielleicht sollte ich noch den Begriff "Gelbes Elend" erklären. Es handelt sich hierbei um das Stasi (Staatssicherheitsdiensr) - Gefängnis in Bautzen in der ehemaligen DDR.
 
Hallo Berthold, Lena D. , Gina und Wackeldackel - vielen Dank!
 
Allen - liebe Grüße,
Hayk
 
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Hallo Hayk,
 
ein brillantes Werk – sowohl wegen der ehemals verborgenen Emotion, die du nach außen hin präsentierst als auch wegen der Stilistik des Gedichts, die sprachlich wie rhetorisch wieder einmal top ist. Für mich als Geschichtsstudenten immer wieder interessant, wie z.B. das Gelbe Elend noch heute erinnert wird (egal ob das LI einen autobiographischen Bezug hat oder es nur ein Narrativ aufgreift).
Sehr gern gelesen
LG Cheti
 
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Hallo Cheti,
erst einmal bedanke ich mich sehr für Deine lobenden Worte! 
Um ein Narrativ würde es sich handeln, wenn das LI nicht authentisch, der Inhalt des Gedichts Erdachtes/Weitererzähltes wäre. Dieses Gedicht beruht aus selbst Erlebten. Ich habe zwei meiner ehemaligen Professoren angeboten,  für Studenten/Studentinnen, die sich für die ungeschminkte Informationen über die ehemalige DDR interessieren bereit zu stehen. Aber alle begnügten sich mit mehr oder weniger wahrheitsgerechten Publikationen, betrieben Literaturstudium und verzichteten auf mein Angebot. Richtig stellen muss ich allerdings, dass ich nicht in Bautzen I (dem sogenannten "Gelben Elend" - so genannt, weil die Gebäude gelb verklinkert waren) inhaftiert war, sondern in Bautzen II, dem sogenannten "Stasi-Knast. Diese Strafvollzugsanstalt unterstand dem MfS (Ministerium für Staatssicherheit und "beherbergte" hauptsächlich politische Gefangene (die es offiziell gar nicht gab). Bei meinen späteren Besuchen (inzwischen ist Bautzen II eine Gedenkstätte) stellte ich fest, dass die Augenzeugenberichte und die Erläuterungen des Personals oft von verständlichem Hass auf das untergegangene Regime und ihrer Vertreter geprägt sind und oft an den Tatsachen vorbei gehen (was analog auch für die Untersuchungshaftanstalt in Belrin-Hohenschönhausen gilt. Ich stehe durch meine Biografie außerhalb des Verdachts, irgendetwas beschönigen zu wollen,  aber ich ärgere mich über eine zu sehr von Hass gesteuerten Berichten aus der Zeit in Berlin-Hohenschönhausen und/oder in Bautzen II, dem berüchtigten "Stasi-Knast".
Liebe Grüße,
Hayk
 
Dank sei auch Freiform, Skalde und Carry!
 
 
  • Hayk
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