Liebes Sternenherz,
den Nachtrag hätte ich nicht gebraucht, um zu verstehen, was dein Gedicht erreichen will. Bei so schönen Gedichten finde ich es manchmal ein wenig bedauerlich, wenn eine Erklärung beigefügt wird, weil der Lesespaß ja darin besteht, selbst herauszufinden, worum es geht, selbst diese Gedanken aufzubringen. Das soll aber keine Kritik sein und schon gar nicht dich dazu animieren, den Nachtrag zu löschen. Durchaus kann ich den Wunsch verstehen, bei einem so sensiblen und wichtigen Thema, nicht falsch verstanden zu werden. Im Grunde soll diese Einleitung wohl nur dazu dienen, dir zu versichern: Ja, die Botschaft verstehe ich und heiße sie gut. :thumbup:
Denn in der Tat sind Geschlechterrollen ja Ausdruck gesellschaftlicher Erwartungen an Geschlechter, deren Unterscheidung mehr Wichtigkeit beigemessen wird als biologisch notwendig und gesellschaftlich nützlich. Kein Mensch kommt auf die Welt und denkt: "Ich bin ein Mädchen. Ich will mit Puppen spielen." Durch den gesellschaftlichen Druck, sich in diese Rollen zu fügen, geht unermesslich viel an Individualität, Freiheit und Ausdrucksvermögen verloren und es trägt dazu bei, Menschen, die man in zwei willkürliche Schubladen steckt, voneinander zu isolieren.
Diesen Gedankengang kann ich in deinen Beschreibungen der Interessen und Sehnsüchte von Kindern (also den Menschen, teils vor der Vergesellschaftung) nicht nur wiederfinden und intellektuell fortspinnen, sondern er wird hier gerade aufgrund der konkreten Bilder von ganz speziellen Gefühlen begleitet: Da ist die Hoffnung, dass diese willkürlichen Grenzen überwunden werden können, da ist die Bewunderung des weitgehend rollenungebunden reinen Menschseins, wie man es bei Kindern beobachten kann und das Bedauern darüber, dass diese Kinder, wie so viele Kinder vor ihnen, auch nicht an den sozialen Mechanismen zur Desintegration vorbeikommen werden und vielleicht irgendwann ein solches enges und starres Bild von ihrem eigenen Geschlecht (und "dem anderen" Geschlecht) entwickeln, das in unserer Gesellschaft vorherrscht.
Die Frage stellt sich, wie du dieses Gefühl hier so gekonnt zum Ausdruck bringst und auch wenn die Antwort darauf sicherlich viel komplexer sein dürfte, sticht ein Wort für mich hervor, das den Unterschied macht - "wollen". Wiederholt schreibst du davon, was die Handelnden wollen, betonst dieses Wort dadurch sehr stark, überbetonst es vielleicht sogar - wenn dann aber aus guten Gründen. Denn es lässt den Leser unweigerlich darüber nachdenken, wieso diese Kinder so etwas wollen können und wir "alten Hasen" nicht mehr. Wie kommt das Wollen überhaupt zustande. Bei den Kindern scheint es aus ihnen heraus zu kommen. Bei uns Erwachsenen, glaube ich, ist es zu einem großen Teil in uns hineingeraten, hineingetragen worde, mitunter vielleicht auch hineingeprügelt worden.
Man spürt die Freiheit des Denkens und Empfindens der Kinder, beneidet sie, ohne sie ihnen wegnehmen zu wollen und bedauert, wie oft diese Freiheit abhanden kommt, indem man "reifer" wird, sich anpasst und sich dabei selbst aus den Augen verliert.
Klasse auf den Punkt gebracht! Chapeau! :smile:
LG