Hi Joshuan,
Vielen Dank für deine gut nachvollziehbare und erhellende Erklärung, die mir den gedanklichen Hintergrund für dein gekonntes Gedicht näher gebracht hat.
Was mein Verhältnis zur Mythologie angeht, so habe ich die Geschichten als Junge, egal ob griechische und deutsche Heldensagen oder Märchen, natürlich wie Abenteuergeschichten gelesen, da es bis 1960 eigentlich keine wirkliche Kinderliteratur gab.
Man kann es heute kaum glauben, aber ich bin noch in einer Zeit geboren, als die Stadt Köln in Schutt und Asche (80%) lag und Deutsche Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft ausgemergelt die Reste ihrer Familie suchten.
Danach war Realismus angesagt, keine Zeit zum Träumen, Abitur und Studium schaffen, dabei regelmäßig in den Ferien am Bau oder in der Fabrik arbeiten, um eigenes Geld zu haben und unabhängig von zuhause zu werden. Da wurden die Kinder noch nicht von der Realität abgeschirmt.
Die realen Konflikte und sozialen Dramen habe ich dann in den Aufgabenfeldern der Psychologie: Betreuung schwer erziehbarer Kinder/Sexualforschung/ Vergewaltigung/Tötungsdelikte von Partnern u.s.w. hautnah miterleben und bearbeiten dürfen, später als Konfliktlöser, Berater und Manager fast 40 Jahre in der Grossindustrie, die selbst viele interne Konflikte erzeugt , aber natürlich auch bei ihren Mitarbeitern und deren Familien auslöst.
Meine Form der Bearbeitung war dann nicht die reine Beschreibung der Konflikte, wie bei den alten Griechen, die ihre persönlichen Vergehen und Familiendramen in Ersatzform den Göttern externalisieren und zuschreiben konnten, sondern der Versuch die Gründe, Auslöser und Gesetzmäßigkeiten zu verstehen, die Menschen dazu bringen das zu tun , was sie tun.
Helfen und Verhalten ändern kann man nur ,wenn man auch ein Erklärungs - Denkgerüst oder Modelle hat, aus denen heraus man gezielt Einfluss nehmen kann. Das setzt, wie in der Dichtung, genaues Beobachten, Einfühlen, Verdichtung, Abstraktion, Umwandeln , Verkehren und Mitdenken voraus.
Die Gestalt und Ganzheitspsychologie , Morphologie (Goethe) und Psychoanalyse( Freud/Jung), die ich studieren durfte, hat dann auch Anklänge an Kunst, Geheimnissvolles, Unerklärliches, Unbewußtes Wirken, Überdeterminiertheit, wie man es im mythischen Denken finden kann.
Leider sollen wir heute nur noch das denken dürfen, was sich zahlenmäßig (Diktatur der Mathematik) darstellen läßt, aber nur einem Teil (oft nur einem unwichtigen Teil) der Realität gerecht wird.
Deswegen werden die wissenschaftlichen Ergebnisse gerade in den Humanwissenschaften auch immer banaler.
Da kommen wir beide dann wieder zusammen, allerdings mit unterschiedlichen Denkansätzen und aus unterschiedlichen Richtungen (Entwicklung und Erfahrung) .
Deinen Abschlusssatz: "Irgendwie haben alle Recht und auch nicht." verstehe ich so, dass der Sinn des Lebens gerade aus der Vielfalt der individuellen Gedanken und Sichtweisen (Luxus des Lebendigen) erwächst. Es geht nicht um "Richtig oder Falsch" , sondern das "und auch".
Wären wir nicht auf der Suche nach immer neuen Lösungen,die aus der Gedankenvielfalt entstehen, würde es keinen Fortschritt geben, würde das Leben irgendwann absterben.
Hoffentlich habe ich dich jetzt nicht allzu sehr mit meinen Gedanken zugeschüttet.Das ist das Problem
der Schriftform, die es dem Adressaten immer erst im Nachhinein erlaubt, einzugreifen.Schöner wäre es wirklich,wenn man einen echten Dialog haben könnte.
Liebe Grüße zu später Stunde
Thomas/Tobuma