Hey sofakatze,
wow! Also danke! :wink:
Danke, dass du dieses Thema so wunderschön variiert hast und wie ein Kind mit meinen Gedanken spielst, das nur die Freude am Spiel im Sinn hat. Ich bin total begeistert von deinem Gedicht. :classic_smile:
Wo in meinem Gedicht Wehmut, Nostalgie und Melancholie den Blick zurück prägen, zu dem die Anschauung der Natur das LI inspiriert, ist es hier der Blick nach vorn, Vorfreude, Hoffnung und das Gefühl von Leichtigkeit, das der Betrachter in den einfachen Zügen von Mutter Natur findet. Und doch sind beide Gedichte spiegelbildlich miteinander verbunden, was nicht zuletzt auch durch die geteilte Reimstruktur verdeutlicht wird, aber eben bereits im Titel klar wird.
Und wie es bei Spiegelbildern eben ist, stellen sie nichts völlig anderes dar, sondern geben die Wirklichkeit nur aus anderem Blickwinkel und eben spiegelsymmetrisch preis. So kann die verheißungsvolle Fantasie, die in einem schönen Moment entdeckt wird, nachträglich in der Rückschau als verklärte Nostalgie in einem aufkommen, ohne dass eine der beiden Deutungen je endgültig und allumfassend sein kann, denn das frische Empfinden der optimistischen Weltneigung kann ja auch in einem wehmütigen Moment des Erinnerns nachempfunden werden und auch die künftige Nostalgie kann bereits im Erleben des Glücks vorausgeahnt werden. Sie sind vielmehr zwei Seiten derselben Medaille oder eben spiegelbildlich einander zugewiesen (als Kind stellte ich mir vor dem Spiegel auch manchmal die Frage: "Was wenn mein Spiegelbild real ist und ich bin nur das Spiegelbild? Würde ich den Unterschied merken?").
Dabei ist dir auch das Kunststück gelungen, ein Gefühl, das in einem einzigartigen Moment empfunden wird (und ohnehin nur an diesem einzigen Tag empfunden werden kann), nicht nur zu beschreiben, sondern es erfahrbar zu machen. Es sind diese ungewöhnlichen Verknüpfungen, die Grenzen herkömmlicher menschlicher Kategorien auflösend, die dem Leser diese Erfahrung ermöglichen, Formulierungen, die ebenso einzigartig sind, wie das dadurch zum Ausdruck gebrachte Empfinden: "blüht der morgentau", "ich atme eine weiche melodie", "vertanzt"...
Btw: Magst du nicht mal einen Kurs anbieten, in dem man lernt, Worte zu basteln? Da würde ich dem Kursleiter nicht einmal ins Wort fallen. :wink:
Gerade "vertanzt" ist eine so hübsche Wortschöpfung. Das Präfix "ver-" deutet neben vielen Bewegungsformen ein Schwinden oder ein Durcheinandergeraten an und kann herkömmlicherweise gar nicht mit einer Tätigkeit gedacht werden, die so ohne klare Richtung sich vollzieht wie das Tanzen. Diese ungewöhnliche Logik, die dem Wort inne liegt, erschafft eine verträumte und undeutliche Atmosphäre. Und auch wenn ich dazu ein paar Theorien habe, wird das Wort mir wohl nie ganz das Geheimnis verraten, wie es dennoch dieses plastische Bild vor mein inneres Auge zaubert, bei dem die Lichtreflexionen des Mondes auf dem Teich so vielfach gebrochen und zerstäubt, sanft auf den leichten Wellen wiegen - es ist ein ganz klares Bild, das mich zugleich, jedes Mal, wenn ich es auf einem Gewässer sehe, zum Träumen einlädt und dazu, die Welt dämmernd und undeutlich zu sehen.
Und mit diesem Bild löst sich auch ein Traum im Bewusstsein des LI von der Anschauung der Natur ab und schwebt gewissermaßen zum Geliebten. Das ist in so vielerlei Hinsicht herrlich poetisch: Zunächst schon deshalb, weil just im Moment der Loslösung dieses Enjambement ansetzt und man auch klanglich erfahren kann, dass etwas, das zuvor in der Seele zurückgehalten wurde und nur auf die Anschauung fokussiert war, nun über alle (Vers-)Schranken hinweg gerät, mit Leichtigkeit und ungeheurer innerer Macht. Es ist außerdem poetisch, weil diese verträumte Stimmung bereits in dem Bild des funkelnden Mondlichts auf dem Teich enthalten war (wie vorhin ausgeführt) und sich nun eben einen eigenen Weg bahnt. Und v.a. ist es aus folgendem Grund poetisch:
Die ganze Zeit gebärdet sich dieses Gedicht als ein Naturgedicht bzw. als Gedicht, das über die Betrachtung der äußeren Vorgänge einen Einblick in die inneren Bewegungen des Betrachters gewährt. Nur ganz am Ende, mit dem allerletzten Vers wird all dies Gedachte und Empfundene einem geliebten Menschen zugedacht. Dies ist nicht nur ein hübscher Überraschungseffekt, weil das LD so unverhofft aus dem Hut gezaubert wird, nachdem es zuvor in der Intimität der Geheimnisse des LI eingesperrt war. Sonst könnte man diesen "Trick" bei jedem x-beliebigen Gedicht anwenden und beispielsweise ein Gedicht über die Corona-Politik der Bundeskanzlerin schreiben und am Ende über den Geliebten sprechen. :wink:
Nein, es ist mehr. Es ist die Offenbarung des eigentlichen Sinnes eines Gedichts, das sich zuvor den Anschein gab, völlig ungerichtet zu sein und passiv auf zufällige Eindrücke zu reagieren. Aber Eindrücke sind nicht zufällig. Sie liegen nicht allein in dem, was zufälligerweise vor einem liegt, sondern geben v.a. Auskunft darüber, was in uns vor sich geht, was uns beschäftigt. Eine Beobachtung sagt mindestens so viel über den Beobachter wie über das Beobachtete. Und hier legt das LI seine eigene Welt offen, die vom heiteren Wissen um den Menschen geprägt ist, der das LI liebt. Und diese Liebe und die Zuversicht, die das LI darin gründet, sieht es in den Dingen, sähe es auch im Nichts und versteht es mehr mit der "verheißungsvollen Fantasie" und dem Wünschen (dem Wunsch, der Geliebte möge an diesem schönen Moment teilnehmen und ihn durch eine Berührung vervollkommnen) als mit den Worten über das LD. Daher ist es so wichtig, dass das LD das ganze Gedicht über keine Erwähnung findet und erst am Ende, wenn die Stimmung des LI erlebbar ist, mündet das Gedicht gewissermaßen im Du. :grin:
Schöner geht es eigentlich nicht und wenn doch, erkläre mir, wie! :wink:
LG