Hallo Steppenwolf,
ich habe mir dein Gedicht noch einmal genauer angeschaut. Tatsächlich kann man den Versuch eines sehr komplexen formalen Aufbaus erkennen, der jedoch recht fehlerhaft ist. Ich demonstriere das an der von dir erwähnten ersten Strophe. Verzeih, dass ich mir nicht die Mühe mache, das auf das ganze Gedicht anzuwenden, es wäre für mich im Moment zu umfang reich
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Was ist es nur, welch Ungemach,
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treibt die Menschen jeden Tach' ?
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Liegts an meinem eigenen Wesen, <~~ richtig wäre "Liegt's", aber das ist eine Kleinigkeit
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oder erkennt noch ein jemand,
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ein Sinn nach Lebens Tellerrand, <~~ "einen", da Akkusativ
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abgesehn der Mär von Wein und Reben? <~~ abgesehen von, das man nicht weglassen darf
Wie du siehst, ist die erste Stophe recht unsauber geschrieben. Das lässt sich natürlich verbessern (zum Beispiel indem du statt "eigenen" "eig'nen" im zweiten Vers schreibst), aber bisher hemmt die Fehlerquote den Lesegenuss.
Nun zu der angestrebt hohen Komplexität: ich verstehe nicht, wieso du die Form in solch einer Komplexität darstellen wolltest. Meiner Meinung nach erschwert das den Lesefluss ungemein. Dadurch wirkt das Gedicht undynamisch, hin und her geworfen, vor allem aber sehr willkürlich.
Am wichtigsten ist mir nun doch der Inhalt. Am Anfang steht das bereits im Faust bekannte Bemühen um die Erkenntnis des Sinns vom menschlichen Streben. Die Unkenntnis darüber führst du daraufhin aus und das läuft bis zum Schluss. Em Ende kommt ein selbstironischer Schwenker und lässt den Leser damit allein. Möglicherweise hattest du dabei Harry Haller aus dem Steppenwolf im Sinn, der es nicht schafft, sich selbst und die Welt mit Humor zu sehen und daran zugrunde geht. Doch das Gedicht bleibt oberflächlich. Zumindest deutet es nicht darauf hin, dass sich das Lyrische Ich die Frage nach dem Sinn wirklich stellt, da es ihn nur insofern zu betreffen scheint, alsdass sein "armes Hirn in dem Gedankenmeer" versinkt. Es fällt mir schwer es zu beschreiben, was ich meine, aber mir scheint, dass in dem Gedicht zwar Gedanken, jedoch keine Gefühle stecken. Was kümmert es einen Menschen, ob einem Wissenschaftler sein Werk nach dem Tod etwas gebracht hat, der selbst Sinnfragen hegt? Das finde ich zu unpersönlich. Außerdem ist es vielleicht ein Fehler von einem "lyrischen Ich" zu sprechen, da keines vorkommt, sondern nur ein Erzähler. Und dieser Erzähler macht sich darüber scheinbar lustig, jedoch auf eine recht primitive Art und Weise.
Das soll auf keinen Fall ein Angriff sein und ich hoffe, dass du verstehst, was ich meine und wieso ich mit dem Werk so unzufrieden bin.
Vielleicht lassen sich die Widersprüche auflösen.
Lieben Gruß
DerSeelendichter