Lieber Gaukel,
ich habe auch schon einige Male darüber nachgedacht, wie viel an altem Wissen im Zuge der 'Christianisierung' wohl verlorenging. Die alten Priesterinnen waren oft auch Heilkundige, da sie sich besonders gut mit Kräutern und generell Pflanzen und deren Wirkungen auskannten. (Nur ein kleiner Nebengedanke, weil er mir gerade in den Sinn kommt: Wie viele Pflanzen starben, ohne je entdeckt zu werden, durch die Abholzung und Brandrodung des Regenwaldes und wer weiß, ob da nicht eine Pflanze verlorenging, deren medizinische Wirkung sensationell gewesen wäre? Wer weiß ...)
Das alte Wissen wurde dennoch eine ganze Zeitlang, zumindest teilweise, weitergegeben. Ich las auch, aber frag mich bitte nicht mehr, wo, dass die Klöster in Wales weitaus toleranter gewesen seinen, als ansonsten und dass sich manche Frauen, die noch über entsprechende Kenntnisse verfügten, dorthin zurückzogen und so das Wissen noch eine Weile überdauerte.
Die Nachfahren der alten Priesterinnen wurden dann (meist abfällig) 'Kräuterweiber' genannt und waren in der Ausübung ihres Berufes immer in Gefahr, mit der Kirche in Konflikt zu geraten. Auch Hebammen erging es nicht anders - und, wie in deinem Gedicht, gab es einige Frauen, die beides waren. Die Kirche erhob den Anspruch, nicht nur für die Seele, sondern auch für den Körper zuständig zu sein. Nun, die Priesterärzte entnahmen ihr 'Wissen' bestimmten, 'zulässigen' Büchern - mit fatalen Folgen für die armen 'Patienten'. Diese gingen nicht ohne Grund lieber zu den Kräuterweibern ... allerdings nur, wenn es ihnen schlechtging. Ging es ihnen gut, dann war ein Kräuterweib schnell eine Hexe, wenn sie am Tag, bevor die Kuh krank wurde, zufällig am Zaun/Gatter entlang ging. Dann waren die ehemaligen Patienten schnell dabei, das der Heilerin in die Schuhe zu schieben und - nun ja, die Folgen sind bekannt.
Die erste Strophe - der Rabe. Raben waren die 'Galgenvögel'. In Verbindung mit den beiden letzten Strophen lese ich hier das heraus, was ich im Bezug auf das damalige, kirchliche Vorgehen ja bereits schrieb. Ich interpretiere das in der Hinsicht, dass die Heilerin hier nicht friedlich 'entschlief' ... sondern als Hexe verbrannt wurde.
Der Trochäus passt hier sehr gut, denn der Inhalt ist nicht friedlich, der dadurch entstehende Rhythmus erscheint mir 'angemessen' dafür. Auch die lyrischen Stilmittel mag ich. Besonders erwähnen möchte ich die Klimax am Ende: spitzen, hohen, schiefen. Vor allem sehr gut gemacht, dass 'schiefen' den Abschluss bildet - ein gelungenes 'Wortbild'.
Interessant übrigens, dass die 'Hochzeit' der Hexenverfolgung gar nicht das Mittelalter war, sondern, deutlich später, das Ende des 16. Jahrhunderts. In dieser Zeit ging dann das meiste Wissen endgültig verloren. Zwar gilt in erster Linie mein Mitgefühl den armen Frauen, die aufgrund fanatischen Aberglaubens ihre Leben verloren, aber in zweiter Linie ist es auch bedauerlich in Hinsicht auf den Verlust von Heilkenntnissen und Kräuterkunde, die über Jahrtausende hinweg überliefert und ständig erweitert worden waren - auch hier, wie in Sachen Regenwald: Wer weiß, was alles unwiederbringlich verlorenging ...
Ach, Fanatismus. Eins der Übel, die die Menschheit offenbar nie los wird. Auch heutzutage gibt es noch, und mehr als genug, den Aberglauben, allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz. Und Religion - nun, meiner persönlichen Meinung nach IST sie Aberglaube ...
LG,
Anonyma