Hallo
@Thymian,
ich hatte gerade dein neues Gedicht gelesen, ein bisschen gestöbert, was du sonst so geschrieben hast und dieses Schätzchen dabei ausgegraben. Deine Befürchtungen:
Die zweite Möglichkeit gefällt mir eigentlich besser - ich bin mir aber nicht sicher ob das kitschig wirkt oder "anatomisch" merkwürdig.
kann ich sehr gut nachvollziehen, die hätte ich als Autorin auch gehabt. Dennoch würde ich dir gerne Mut machen, zu deiner favorisierten Variante zu stehen und will das gerne begründen.
Der Dankbarkeits-Vers lässt sich zwar im Gewohnheitsmetrum einwandfrei lesen, metrisch ist der Herz-Vers mit dem Verb auf der Hebung aber eindeutig besser. Stilistisch hast du nach der Dunkelheit in V2 (die ich in Ordnung finde) nun ein weiteres Mal den unschönen Nominalstil im Gedicht, der sich vermeiden ließe. Und drittens schrammt der weniger gute Vers für meinen Geschmack nicht weniger nah am Kitsch vorbei. Ich finde, das hält sich noch im Rahmen. Ich denke, ich würde die veralteten Apostrophe noch rausnehmen, die den Retro-Touch vielleicht unnötig unterstreichen, und plädiere klar für die "beherzte" Lösung:
Nebel perlt auf meiner Wange,
durch das Haar streicht Dunkelheit,
Gräser knistern kalt und bange;
müd mein Schritt, der Weg so weit.
Doch ich weiß, dort auf dem Hügel
steht mit offner Tür mein Haus -
leise wachsen mir nun Flügel,
dankbar eilt mein Herz voraus.
Das ist eine handwerklich und sprachlich schöne und ansprechende Arbeit, daran gibt es nichts zu rütteln, und ich war gerne zu Besuch.
LG Claudi